Wir reden hier unentwegt von Autorennen. Tag ein, Tag aus, schreiben über Tests, Einstufungen, Einbremsung von Klassen, ausufernden Kosten, Sponsoring, Events, Skandale, Nachwuchstalente, Rundenrekorde und was sonst noch so täglich in der Medienwelt des Motorsports diskutiert wird. Aber wie war das eigentlich mit dem allerersten Autorennen? Kennt man das überhaupt?

Ja, dank der Geschichtsschreibung kann man das erste Autorennen oder den ersten Wettbewerb datieren. Wir haben uns mal auf die Suche gemacht und in alte staubige Bücher geschaut.

Das 19 Jh. stand in Deutschland/Deutschem Reich ganz im Zeichen der Industrialisierung. Andere geschichtliche Großereignisse wie die Soziale Frage, Deutsch-französische Kriege, Auswanderung, und Demokratiebestrebungen können wir hier mal getrost beiseite lassen. Fahrzeuge die eine Person ohne Muskelkraft fortbewegen konnten, gab es schon im 17. Jh. Die Dampf- und Elektrowagen waren die Vorreiter des Automobils mit heutigem Verbrennungsmotor. Solche Fortbewegungsmittel waren den Menschen im 19 Jh. nicht fremd. Nicht so fremd wie die ersten Eisenbahnen die schwarzen Rauch ausstießen und die von einigen verängstigten Menschen damals als „teuflische blecherne Bestien“ in einigen Dokumenten beschrieben wurden.

Mit den Automobilen verhielt es sich da ganz anders. Schnell wurden sie beliebt. 1886 war es dann soweit. Carl Benz stellte am 3. Juli 1886 seinen Wagen vor. Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach hatten unabhängig von Benz ebenso ein Automobil erfunden und es auf 3 bzw. 4 Räder gestellt. In Wien folgte unabhängig davon Siegfried Marcus. Sie alle dürfen sich auf die Fahnen schreiben die ersten Automobile mit heute üblichem Motor entwickelt zu haben. Übrigens wurde der Motor damals im allgemeinen Sprachgebrauch „Explosionsmotor“ genannt. Dass die Wagen sich aus eigener Kraft fortbewegen konnten, hatte man nun bewiesen. Jetzt musste man ihre Zuverlässigkeit beweisen, denn alle Herren wollte aus ihrer Erfindung Profit schlagen. An die Zuverlässigkeit glaubte insbesondere Bertha Benz, die Gattin des Erfinders. Am 5. August 1888 unternahm sie, angeblich ohne Wissen ihres Mannes, die erste Überlandfahrt mit ihren beiden Söhnen. Von Mannheim ging es zu Verwandten nach Pforzheim. Daraus ergibt sich für die erste Fernfahrt eine Distanz von 180km. Das ganze Vorhaben wurde auf eine harte Probe gestellt und wenn man ließt, was auf dieser Fahrt alles geschah, dann kann man nur sagen: „Dem Herrn Benz seine Frau war schon taff!“ Ein Schuster musste unterwegs die völlig verbrauchten Lederbezüge der Bremsklötze neu beziehen, ein Dorfschmied musste die Kette neu spannen, zur Reinigung des verstopften Benzinzuflusses opferte Bertha Benz ihre Hutnadel, die Zündung wurde mit Hilfe eines Strumpfbandes isoliert. So waren damals die Fahrten. Und dann ging den Pionieren auch noch in Wiesloch der Sprit aus. Nachgetankt wurde Leichtbenzin an der Stadtapotheke in Wiesloch, die mit dieser Aushilfe damals zur weltweit ersten „Tankstelle“ wurde. Wer hätte das damals gedacht. Übrigens wurde Bertha Benz nicht für das „Fahren ohne Führerschein“ angezeigt…

Carl Benz und die anderen Erfinder produzierten schnell ihren Wagen in „Serie“ und konnten steigende Absätze verzeichnen. Innerhalb von wenigen Jahren wurde der Automobilmarkt knallhart. Ende der 80er, Anfang 90er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde bereits in Deutschland, USA, Schweden, Italien, Frankreich eine Vielzahl von Automobiltypen gebaut die die Idee von Carl Benz übernahmen. Plagiate in der Automobilbranche gab es also schon lange bevor die Chinesen die Automobilindustrie für sich entdeckten. Ein Anliegen war es natürlich schon damals zu beweisen, welches Automobil das Bessere war, welches schneller und zuverlässiger war. Das schrie nach einem Vergleich!

1893 ergriff die Pariser Zeitung „Petit Journal“ die Initiative und schrieb für Juli 1894 einen Wettbewerb für Automobile aus. Jener Wettbewerb kann als erstes Automobilrennen angesehen werden. Allerdings war das Automobil als Fortbewegungsmittel und insbesondere die Antriebsart sehr, sehr unpräzise ausgelegt. Natürlich meldeten sich viele Besitzer und Konstrukteure von Explosionsmotoren, aber auch Erfinder von anderen Konzepten. Die Quellen berichten elektrischen Motoren, Dampfkesselwagen, Wagen die mit komprimiertem Gas angetrieben werden sollten und auch ausgefallene Pendelsysteme die dem Antrieb dienen sollten waren dabei. 102 Nennungen konnte der Ausschreiber entgegennehmen. Man war gezwungen eine Auswahl zu treffen. Zugelassen wurden 26 Fahrzeuge mit Dampf- und Benzinmotor. Als Qualifikation mussten die Teilnehmer binnen 4 Stunden eine Strecke von 50 Kilometern zurücklegen. 21 traten zum Start an.

Das Rennen wurde am 22. Juli 1894 in Paris gestartet und es galt eine Strecke von 126 Kilometern nach Rouen zurückzulegen. Gestartet wurde in Abständen von 30 Minuten. 15 Wagen erreichten das Ziel. Bedenkt man, dass die damaligen Straßen für alles andere ausgelegt waren, aber nicht für die neuen Automobile, z.T. aus Kopfsteinpflaster bestanden und auch unbefestigt waren, so war es damals eine Strapaze für Mensch und Maschine. Getankt wurde hauptsächlich an Apotheken und repariert wurde direkt auf der Landstraße, vom Mechaniker und Navigator in Personalunion. Dem Sieger winkte damals eine Prämie von 5000 Franc. Für die damalige Zeit eine Menge Geld, die einige Automobilpioniere auch bitter nötig hatten.

Die Vergabe des ersten Sieges erscheint rückblickend als etwas willkürlich. Der Sieg wurde nach dem damaligen Reglement, wenn man davon überhaupt sprechen kann, nicht nach der erzielten Geschwindigkeit vorgenommen. Eine Zusatzbedingung entscheidete letztendlich über den Sieg, denn es stand geschrieben „… vorausgesetzt, dass sie nicht gefährlich sind, vom Fahrer leicht kontrolliert werden können und nicht viel Geld kosten.“ Auch der Verbrauch spielte eine Rolle. Mit dem Wettbewerb sollte schlussendlich auch das bessere Konzept ermittelt werden. Das Rennen war also mehr eine Zuverlässigkeitsfahrt.

Der eigentliche Siegerwagen von Graf Albert de Dion war ein schwerer „Dampfkesselrennwagen“ der auf der Fahrt alleine 800 Liter Wasser verbrauchte. Zwar hatte der Wagen während dem Rennen die absolute Spitzengeschwindigkeit von 20 km/h, eine Durchschnittgeschwindigkeit von 17 km/h erreicht und als erster das Ziel erreicht, doch der Siegpreis wurde ihnen verwehrt. Der Sieg wurde den in Abstand von 15 Minuten eingetroffenen Émile Levassor/Louis François René Panhard gefolgt von Armand Peugeot zugesprochen. Beide Wagen verwendeten Benzinmotoren von Carl Benz. Die Zuschauer feierten allerdings den schnellsten Ankömmling Graf de Dion und Benz durfte sich selbst auf die Schulter klopfen das beste Konzept zu besitzen.

Mit dem ersten Autorennen der Motorsportgeschichte hatte man somit auch gleich den ersten Motorsporteklat. Solche Ereignisse waren in den ersten Jahren nicht unüblich. 1895 wurde Émile Levassor z.B. der Sieg bei dem Rennen Paris-Bordeaux-Paris verwehrt, da sein Wagen nur zwei Sitze hatte.

Der Grundstein für den Motorsport war mit diesem Rennen gelegt und es führte zur Gründung des Automobile Club de France (ACF) und zur Organisation des ersten „richtigen“ Rennens im Jahr 1895. Auf den Initiativen dieses Clubs entwickelten sich im Laufe der Zeit die ersten Grand-Prix Rennen. Ein Grand-Prix am Ende des 19. Jh. darf jedoch nicht mit dem heutigen verwechselt werden. Es waren zunächst keine Sprintrennen, sondern eher Fernfahrten die an der Tagesordnung stand als der Motorsport noch in den Kinderschuhen steckte. Das längste Rennen der ersten Tage wird wohl die Fernfahrt aus dem Jahr 1907 Peking-Paris gewesen sein.

Etwas mehr als 114 Jahre später ist der Motorsport sehr breit gefächert, eine ganze Wirtschaft hat sich darum entwickelt und eine die Techniker versuchen Alternativen zu den Motoren zu finden die 1894 den Weg in den Motorsport ebneten. Fossile Kraftstoffe werden in der Zukunft knapper und teurer werden. Jede Minute von fairem, herzhaftem und ehrlichem Sport mit Automobilen sollte man genießen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es schwere Dampfkesselwagen sein werden mit denen man in Zukunft Rennen fährt, scheint aber sehr, sehr gering zu sein…



So ging es damals zur Sache - Émilie Levassor auf "Panhard et Levassor" überholt Koechlin auf Peugeot bei der Fernfahrt Paris-Bordeaux-Paris.



Die Sieger des ersten Autorennens der Welt

  bilstein LogoBaumannLogistik 01 maxicard mbs  teichmann 01 weiss