Mit der Fortführung unserer Reportage Reihe "Was macht eigentlich...?" freuen wir uns auch die neue ring1.de Mitarbeiterin Myriam Stein begrüßen zu können.

Ende Dezember führte mich mein Weg in das Optikgeschäft von Bernd Becker. Idyllisch in der Edelsteinstadt Idar-Oberstein gelegen lebt und arbeitet Becker dort in seinen beiden Geschäften. Hinter seinem Wohnhaus im Stadtteil Idar, in einer kleinen Garage, steht ein wahres „Schmuckstück“: Ein alter Porsche 910.



Bernd Beckers Schmuckstück - der Porsche 910. Wann und wie der Porsche dorthin kam, das erfahren wir noch.



Bernd Becker, früher Uhrmacherlehrling, Geselle und Rennfahrer, heute Augenoptikermeister und „Gentlemendriver“. Schon früh machte sich bei dem Idar-Obersteiner die Leidenschaft für Autos allgemein und insbesondere für Rennfahrzeuge bemerkbar. „Statt Vokabeln zu lernen oder den Lehrern zuzuhören habe ich lieber unter der Schulbank die Auto-Motor-Sport gelesen“, erzählt Bernd Becker. „Porscheinfiziert bin ich, seit ich von meinem Großonkel das Buch <Mein Mann, der Rennfahrer> von Elly Rosemeyer-Beinhorn geschenkt bekommen habe.“

1963 kaufte sich Becker zusammen mit seiner Schwester einen VW Käfer für 800 Mark, jeder zahlte die Hälfte. Dabei hatte er folgende Abmachung mit seiner Schwester: „Ich übernahm die Reparaturen – wie es dazu kam, weiß ich nicht, ich war ja eigentlich gar kein Schrauber – und sie die Hälfte der Betriebskosten“, so Becker. „Gefahren bin eigentlich nur ich.“

Seine ersten Kontakte zum Motorsport knüpfte Bernd Becker eher durch Zufall im Alter von 18 Jahren. Beckers Schulkamerad Henning Wünsch (heute in der Rallyeszene bestens bekannt) hatte einen Fahrerlehrgang auf dem Nürburgring gewonnen, konnte diesen aber selbst nicht wahrnehmen und so bekam Becker die Möglichkeit, „Eifelrennluft“ zu schnuppern. Beckers Eltern waren mit diesem Unterfangen damals gar nicht einverstanden und „es gab mächtig Ärger – aber ich fuhr trotzdem zum Ring“, erzählt Becker. Ein VW Käfer Cabriolet, Baujahr 1953, sollte das erste Fahrzeug sein, mit dem Becker auf dem Nürburgring unterwegs war. Durch die Streitereien mit seinen Eltern verpasste Bernd Becker die Theorie des Lehrgangs und kam erst zum praktischen Teil in der Eifel an – Slalomfahren auf der Start- und Zielgeraden.

Nach den ersten motorsportlichen Schritten hatte Becker „Blut geleckt“ und überlegte, wie es „mit den Autos und so“ weitergehen könnte.

Im gleichen Jahr war Bernd Becker als Zuschauer beim Großen Preis der Tourenwagen, dem 6h-Rennen, am Nürburgring. Er hatte einen Sitzplatz in der Südkehre und schaute begeistert zu, bis einem Jaguarfahrer das Rad abbrach und durch die Luft flog. „Das bin ich dann erstmal aufsammeln gegangen.“ Anschließend machte sich Becker auf den Weg ins Fahrerlager, um das verlorengegangene Rad zu seinem Besitzer zurückzubringen. „Doch der wollte sein Rad nicht mehr haben, weil er dachte, die Felge sei gebrochen – dem war aber nicht so. Das Rad habe ich heute noch in meiner Garage stehen.“

Bernd Becker fuhr sonntags regelmäßig zur Nordschleife, um im Privatauto einige Runden zu drehen. Was heute mit einem elektronischen Kartenautomat funktioniert, war damals eine Papierkarte, auf der die gefahrenen Runden von Ordnern mit dem Kugelschreiber abgestrichen wurden. „Wenn man einen guten Draht zu den Leuten hatte – man kannte sich ja nach einiger Zeit – dann machte man ein Petzauge und konnte auch mal 20-30 Runden mit einer Zehnerkarte fahren“, so Becker.

Einige Jahre später kaufte sich Beckers Mutter einen 700er BMW, „ein 62er Sportcoupe mit 40 PS – das Auto ließ sich wunderschön fahren.“ Beckers erste Veranstaltung mit dem Fahrzeug war die „Birkenfelder Winterfahrt“ Mitte der 60er Jahre mit Henning Wünsch als Beifahrer. „Wir lagen sehr gut, bis uns einer von der Strecke gerammt hat.“ Der Unfall kam zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, denn eigentlich durfte niemand wissen, dass Becker und Wünsch mit dem Fahrzeug motorsportlich unterwegs waren. „Ein Freund von mir reparierte, spachtelte und strich den Schaden wieder in Ordnung, niemand bemerkte etwas – bis meiner Mutter ein kleines Missgeschick passierte und dabei die ganze Spachtelmasse unseres Unfalls mit abplatzte... .“

1966 begann Bernd Becker seine Lehre zum Optiker in Saarbrücken. Auch Beckers damaliger Chef Bert Link war motorsportbegeistert. Chef und Azubi kauften sich zusammen einen 700er BMW für 1500 Mark – „ein Spitzenauto“, so Becker. Das Auto bezahlte Becker, den neuen Motor der Chef. Becker baute selbst die Schalensitze, „da man sich ja mit dem kleinen Lehrlingslohn wenig leisten konnte.“ Er baute nicht nur einen Sitz, sondern gleich mehrere, setzte eine Annonce in die Auto-Motor-Sport und verkaufte einige 100 davon, um sich so seinen Motorsport zu finanzieren. Mit diesem Fahrzeug nahm Becker an vielen Gleichmäßigkeitsprüfungen teil.



Bernd Becker kurz vor dem Start im BMW.

Um noch mehr Möglichkeiten zu haben, wurde dann auch Werbung auf dem Auto angebracht. Dugena war der erste Werbepartner Beckers. 300 Mark gab es damals pro Rennen für Becker, davon gingen direkt 50 Mark Nenngeld ab und der Rest konnte ins Auto investiert werden. „Wir fuhren das ganze Jahr ohne Probleme, der Motor war ok, keine besonderen Reparaturen.“ Das Besondere: Becker verschliss in einer Saison, d.h. ca. 20 Rennen nur einen Satz Racing Reifen.

1969 kaufte Becker eine Porsche 911 S mit der Absicht, ihn wieder zu verkaufen. Unter anderem startete er 1970 zusammen mit Elmar Clever beim 1000km Rennen, einem Weltmeisterschaftslauf, auf dem Nürburgring.

Im Herbst desselben Jahres fand das 500km-Rennen auf dem Nürburgring statt. Becker konnte leider nicht starten, da er ein defektes Getriebe an seinem Auto zu beklagen hatte. So gesellte er sich zu den anderen Zuschauern auf die Tribüne. Während des Rennens stand Becker gerade am „Löwenkäfig“, als Paul Vestey mit seinem Porsche 910 eine Kollision mit einem anderen Fahrzeug hatte und machte folgendes Bild:



Der beobachtete Unfall von Paul Vesty 1970 gab den Anstoß für die Neuanschaffung.

Schon vor diesem Zeitpunkt dachte Becker über die Anschaffung eines Unfallwagens nach, den er dann selbst wieder aufbauen wollte. Doch erst 1972 kam Becker, nach erfolgloser Suche, wieder auf Vesteys Fahrzeug zurück. Die Frau des Engländers war schwanger und stellte ihn vor die Entscheidung „Entweder ich oder das Auto“. Vestey versuchte, den Porsche zu verkaufen, fand aber keine Käufer. Becker stand mit ihm in Kontakt, konnte sich aber zunächst nicht finanziell mit ihm einigen. Irgendwann hatte Becker Glück und der Engländer kam nach Deutschland, um den Kauf perfekt zu machen. In Stuttgart waren an dem 910er inzwischen alle Reparaturen und Verbesserungen durchgeführt worden, die zu diesem Zeitpunkt möglich waren. Vor Ort stellte Becker jedoch fest, dass weder die nun obligatorischen Sicherheitstanks, noch die vorgeschriebenen Sturzbügel eingebaut worden waren. Nach Verhandlungen mit Vestey zahlte Becker dem Engländer dann 27.000 Mark für den Porsche und bekam auch noch den Transportanhänger dazu.

Das Roll Out mit dem neuen Einsatzfahrzeug fand am sonnigen Osterwochenende statt. Beim Int. 300km Rennen Anfang April trafen sich die Hubraumvolumigen Interserie. Porsche 917, Chevron, Mc Laren Sportwagen brüllten über die Nordschleife. Bernd Becker startete in der Subwertung bis 2,5l Rennwagen und der Einsatz im damals blau-schwarzen Porsche 910 bescherte ihm ein Top 10 Ergebnis. Von den Vorbereitungen vor der ersten Ausfahrt konnte ein Amateurfotograf eine stimmungsreiche Bildfolge festhalten.



Das Roll Out im wieder aufgebauten Porsche 910

Was tat man damals nicht alles um soviel Racing mitzunehmen wie es nur geht. Die Lösung hieß Pendeln. Im Oktober 1970 fielen z.B. gleich zwei Rennen auf ein Wochenende, bei denen Becker gerne starten wollte. Zum einen auf der Südschleife des Nürburgrings das „Rundstreckenrennen Aachen“ und zum anderen das Edelstein-Bergrennen in Bergen. Becker konnte bei beiden Rennen mit der gleichen Startnummer antreten. Samstags fuhr er zur technischen Abnahme nach Bergen, das Training dort musste ausfallen, da die Zeit drängte und er im Anschluss an die Abnahme das Zeittraining am Nürburgring absolvieren musste.

„Am Sonntagmorgen wechselte ich noch die Bremsflüssigkeit des Porsche im Fahrerlager und dann gings direkt nach Bergen, wo ich im ersten Rennlauf mitfahren konnte“, erzählt Becker. Für den zweiten Lauf reichte es nicht mehr, da er um 16h pünktlich zum Start am Ring sein musste. „Ich kam dort um 15h an, ließ hinten noch zwei Racing-Reifen montieren, da die anderen fast völlig blank gefahren waren. Dann direkt zum Tanken und in die Startaufstellung.“ Bei der Siegerehrung saß Becker mit Helmut Kelleners und Hans Stuck an einem Tisch. Anbei sei angemerkt, dass Helmut Kelleners bei diesem Rennen den Nürburgring-Südschleifen Rundenrekord fuhr. Ein Rekord für die Ewigkeit, denn die Tage der Südschleife waren gezählt. Bernd Becker war dabei „Natürlich wurde ich nicht aufgerufen, aber es hatte wieder unheimlich Spaß gemacht am Ring zu fahren. Heute wäre ein solcher Doppelstart ja gar nicht mehr möglich.“

Beim Fahren stellte Bernd Becker stets hohe Ansprüche an sich: „In den ganzen Jahren, in denen ich gefahren bin, konnte ich nicht einmal sagen, DAS WAR DIE PERFEKTE RUNDE – irgendwo war immer der Gedanke, ach, hier hättest du noch besser machen können.“

Die Höhepunkte seiner aktiven Zeit waren sicherlich die legendären 1000km Rennen Anfang der 70er Jahren. 1971 fuhr Bernd Becker gemeinsam mit Harald Link auf dessen Carrera 6 das 1000km Rennen am Nürburgring.



Der Porsche 910 von Bernd Becker beim 1000km Rennen 1971

1972 und 1973 setzte Bernd Becker seinen eigenen 910er Porsche bei einigen Läufen zur Markenweltmeisterschaft ein. Dabei fuhr er mit Weltklassefahrern wie Jacky Ickx, Clay Regazzoni, Ronnie Peterson, Brian Redman und Derek Bell in einem Feld. 1973 belegte er zusammen mit Elmar Clever den 18. Gesamtrang im ca. 60 Wagen starken Feld.

Außerdem fuhr in diesen Jahren er mit seinem Auto in der europäischen Interserie – dem Pendant zur amerikanischen CanAm-Serie. Fahrzeuge wie z.B. der 1000PS-starke 917 wurden dort eingesetzt. Hier musste sich Becker ebenfalls mit Fahrern wie Leo Kinnunen, Willi Kauhsen, Georg Loos und anderen auseinandersetzen. Die Herausforderung bestand hauptsächlich darin sich mit unterlegnem Material sich gegen die starken Wagen der höheren Klassen durchzusetzen, was natürlich selten einfach war. Trotz schwierigen Vorraussetzungen kann Becker auf einige Achtungserfolge gegen die Profis der damaligen Tage zurückblicken.

Ab Mitte der 70er Jahre verlor Bernd Becker zunehmend die Lust an Rennsport, da die anderen Autos sich immer weiter entwickelt wurden und er mit dem 910 „nicht mehr so gut mitfahren konnte.“ Zudem war er immer mehr in der Augenoptik und „an anderen Fronten“ beruflich stark eingebunden.

Bis heute jedoch steht sein Porsche 910 gut gepflegt in einer Idarer Garage und ist regelmäßig bei historischen Veranstaltungen auf der ganzen Welt im Einsatz. 1981 bekam Bernd Becker einen Anruf von David Piper, der ihn zu einem historischen Renneinsatz nach Brands Hatch einlud. „Wegen Problemen mit meiner Lizenz konnte ich diese Einladung leider nicht annehmen, aber beim nächsten Rennen im Phönix-Park in Dublin war ich mit dabei – und es war toll!“

Weitere Rennen in Dubai und an anderen Orten folgen. Die Aida-Rennstrecke in Japan wurde von ihm, gemeinsam mit David Piper und anderen, eingeweiht. Nach Südafrika (Kyalami, East London, Swartkops, Kapstadt) folgte er den Einladungsrennen seit 1988 im fast jährlichen Turnus.

1997 war Becker mit seinem Porsche 910 beim „1er weekend de l’excellence“ in Reims, 2008 beim „Solitude Revival“ und dem Eifelrennen am Nürburgring, wo „das Schmuckstück endlich mal wieder auf die Nordschleife ausgeführt wurde.“

Auf die abschließende Frage, was das Rennen am Nürburgring war, an das er sich am liebsten erinnert, antwortet Bernd Becker wie aus der Pistole geschossen „Jede einzelne Runde!“



Bernd Becker heute. Stolzer Besitzer des Porsche 910 startet gerne noch bei Oldtimer-Veranstaltungen.

Text: Myriam Stein

Fotos: Privat Archiv Bernd Becker / Gerd Stein

In Teil 2 packt Bernd Becker einige Ankedoten den alten Tagen aus. Kommenden Sonntag geht es weiter. Weiterhin viel Spaß!