Das Meisterstück: Mit einem zweiten Platz auf dem Hockenheimring sichert sich Thorsten Stadler mit der 1994er-DTM-C-Klasse von Mercedes-Benz den Titelgewinn bei den Tourenwagen Classics 2017.

 

Beim DMV-Preis auf dem Hockenheimring ging das Veranstaltungsprogramm der Tourenwagen Classics fünf Monate nach der Serien-Präsentation an gleicher Stelle zuende. Vor der sechsten und abschließenden Punktrunde war die Meisterschaftsfrage noch völlig offen. Drei Fahrer konnten sich den Titel sichern. Neben Tabellenführer Thorsten Stadler (47, Mercedes-Benz C-Klasse DTM 1994) und dem Tabellenzweiten Jörg Hatscher (56, Mercedes-Benz C-Klasse ITC 1996) rechnete sich auch Volker Schneider (Ford Sierra RS Cosworth) zumindest noch theoretische Chancen aus. Der DTM-Privatier des Jahres 1986 auf einem damals zwei Jahre alten Ford Mustang GT 5.0 Coupé aus dem ABR-Team von Bernd Ringshausen hätte allerdings nur bei einem Totalausfall der beiden Mercedes-Piloten den Titel an sich reißen können. Stattdessen hatte er selbst ein Nullergebnis zu verzeichnen. Mit dem in Eigenregie aufgebauten Flügel-Coupé – einem ehemaligen Taxi aus der Stadt Düsseldorf – startete er ebenfalls beim Tourenwagen Revival, einer Sollzeitprüfung über zweimal 30 Minuten. Nach sehr schnellen Runden unter zwei Minuten rutschte Volker Schneider in der Schlussphase des ersten Laufs eingangs der Start-und-Ziel-Geraden weit ins Kiesbett. Dabei riss er sich einen vorderen Querlenker ab – der Schaden hätte zwar behoben werden können, es war jedoch kein entsprechendes Ersatzteil vor Ort verfügbar. So mussten Volker Schneider und leider auch der Mitveranstalter Marc Hessel, bei vier Wertungsläufen 2017 der zweite Steuer-Mann im Ford-Cockpit, die Startnummer 24 zurückziehen. Mit dem Ford Sierra Cosworth Gruppe A seines Sohnes Michael hatte Volker Schneider jedoch ein zweites Eisen im Feuer, mit dem er wichtige Meisterschaftszähler sammeln konnte. Zum ganz großen Durchbruch reichte es allerdings nicht mehr.

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Es sollte nicht der einzige Ausfall im Vorfeld des entscheidenden 40-Minuten-Rennens bleiben, denn auch Stefan Rupp erwischte ein rabenschwarzes Wochenende. Der zweifache Saisonsieger blieb mit dem Alfa Romeo 155 V6 ti ITC bereits auf den ersten Metern des freien Freitagstrainings liegen. Das Motorsteuergerät, vor 21 Jahren von Magneti Marelli für das Werksteam aus Mailand konfiguriert, fiel aus. Ein mitgebrachtes Ersatzgerät des Jahrgangs 1995 nahm im zwölf Monate jüngeren Italo-Viertürer die Arbeit gar nicht erst auf – der vorzeitige Ausfall. Auch für Jörg Hatscher war dies eine schlechte Nachricht, denn er wusste: Würde er gewinnen und Stefan Rupp Zweiter werden vor Thorsten Stadler als Gesamtdrittem, hätte er die Meisterschaft noch zu seinen Gunsten umdrehen können. So fiel der Alfa mit den authentischen Sponsorlogos von "TV Spielfilm" aus dem erhofften Sandwich der Mercedes-Piloten heraus.

19 Fahrzeuge nahmen schließlich das Rennen der Tourenwagen Classics auf. Nach wechselhaften Wetterverhältnissen am Freitag war es am Renntag ausnahmslos trocken – sehr zum Leidwesen der drei starken BMW-STW-Fahrer Gerhard Füller, Timo Hochwind und Yannik Trautwein, die auf rutschiger Piste überraschend schnell unterwegs waren und in den ersten drei Startreihen ihre Positionen bezogen. So ließ Gerhard Füller, ein Dachdecker aus Stadtallendorf mit jahrelanger Rennerfahrung aus dem ADAC-GT-Cup, trotz des Zweiliter-Motors und allenfalls 285 PS die absolute Trainingsbestzeit notieren. Seinen südafrikanischen Re-Import möchte er im bevorstehenden Winter vollständig restaurieren, auch ihn hat die Begeisterung für den klassischen Tourenwagen-Rennsport gepackt.

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Am eigentlichen Renntag waren die regulären Kräfteverhältnisse bald wieder hergestellt. Bei schönem Sonnenschein fiel das STW-Trio hinter die beiden Klasse-1-Mercedes und den 1991er-MM-Diebels-BMW M3 E30 2.5 Sport Evolution von Richard Weber zurück. Nach dem zweiten Platz vier Wochen zuvor im Rahmen der DTM auf dem Nürburgring war der Kraftfahrzeug-Mechanikermeister aus Rosenheim als Gesamtdritter einmal mehr stark unterwegs. Nicht nur ein sequenziell geschaltetes Sechsgang-Getriebe gehört zu den Highlights dieses M3, sondern auch ein deutlich mehr als 300 PS leistender Vierzylinder-Vierventilmotor. Im unmittelbaren Vergleich mit den STW-BMW 320i war dies zumindest auf trockenem Geläuf von Vorteil. Die beiden Klasse-1-Mercedes an der Spitze konnte aber auch Richard Weber nicht halten. Fünf Entwicklungsjahre auf Hersteller-Niveau liegen zwischen seiner konventionellen Stahlblech-Karosse und den Prototypen der Klasse 1. Jörg Hatscher passierte Thorsten Stadler, der im Training mit seinen Reifen gepokert hatte und sich vor seinem Marken- und Teamkollegen in Szene setzen konnte. Während Stadler kurz vor Schluss die Pneus wechseln ließ und so die abtrocknende Fahrspur für sich nutzte, blieb Hatscher bei seiner eher konservativen Strategie und setzte auf Regenreifen – im Nachhinein die falsche Entscheidung.

Nach der Freigabe des Rennens wendete sich das Blatt. Jörg Hatscher konnte mit schnellen Rundenzeiten ein Polster von bis zu zehn Sekunden zwischen sich und Thorsten Stadler legen. Während der Oldenburger einem ungefährdeten Sieg, dem zweiten der Saison 2017, entgegenfuhr, ging Stadler auf dem zweiten Rang kein Risiko ein. Der gelernte Seemann wusste: Würde er diesen zweiten Platz halten können, wäre die Meisterschaft zu seinen Gunsten entschieden. So kam es dann auch: Stadler kam hinter Tagessieger Jörg Hatscher als Gesamtzweiter ins Ziel: das Meisterstück für den Norisring-Sieger. Richard Weber holte als Dritter der Gesamtwertung auch den Sieg in der Klasse 2 der DTM-Fahrzeuge. Stephan "Pipo" Piepenbrink, mit einem weiteren BMW M3 der beliebten Baureihe E30 am Start, vollführte nach komplexen Elektrikproblemen am Freitag eine Aufholjagd. An 18. Position losgefahren, kam der Münchner bis auf die fünfte Gesamtposition nach vorn. Für ihn bedeutete dies gleichzeitig den zweiten Klassenrang.

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Jens Böhler, ebenfalls auf einem BMW M3 E30 unterwegs, kämpfte wie Stephan Piepenbrink mit der Defekthexe in den Tiefen seiner 1988 in den Dienst gestellten Gruppe-A-Version. Der Marburger Augenoptiker-Meister legte im Rennen sogar einen außerplanmäßigen Boxenstopp ein, dennoch kam er auf dem zweiten Rang in Klasse 3 (Gruppe-A-Fahrzeuge) über die Distanz und verbuchte wichtige Meisterschaftspunkte. Für ihn, der wie so viele andere mit dem offenen Transportanhänger zu den Rennen reist, steht die Freude am Motorsport in seiner ursprünglichen Form im Vordergrund: "In erster Linie will ich meinen Spaß haben!", bringt der Brillenträger denn auch seine Motivation auf den Punkt. Für ihn gilt das Credo des 2001 verunglückten Langstrecken-Spezialisten Ulrich "Ulli" Richter aus Essen: "Rennen fahren mit Freunden vor Freunden zur Freude."

Einer der glücklichsten Menschen am Platz war Gerbert Luttikhuis aus Losser bei Enschede in den Niederlanden. Am Vorabend seines Geburtstages kam der Unternehmer mit dem Mercedes 190E DTC in der Wertungsgruppe 5 hinter dem erneuten Klassensieger Jannis Bernd auf den zweiten Platz, gleichzeitig wurde er Gesamtzehnter. Für Gerbert Luttikhuis und seinen Bruder Arjan war dies der verdiente Lohn für ein überdurchschnittliches Engagement bei den Tourenwagen Classics. Bei vier der sechs Wertungsläufe stellte das Brüderpaar ein großzügiges Teamzelt zur zünftigen Bewirtung und Beherbergung des gesamten Fahrerkollegiums zur Verfügung. Am 4. November 2017 kommen die Sieger und Platzierten zum stimmungsvollen Jahresabschluss noch einmal zusammen – die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.